Capote revisited
Truman Capote, 'Kaltblütig' nach Jahren nochmals gelesen. Die Zeitlosigkeit des Romans hat etwas Unfassbares, Erschreckendes. Die Beschreibung menschlicher Soziopathie ist eben so grauenerregend, wie die Schilderung der Borniertheit und der Vorurteile in der Bevölkerung. Von der Struktur des amerikanischen Justizsystems ganz zu schweigen.
Man fühlt als Leser in dieser Erzählung durchaus nicht den Atem der 50er Jahre. Nichts fühlt sich hier nach 'vergangen' oder nach 'gestern' an. Dieser Roman ist nicht zuletzt deshalb schockierend, weil er auch ein Werk aus dem Jahre 2006 sein könnte. Man bleibt erschrocken zurück und fragt sich, ob sich wirklich so furchtbar wenig nach vorn entwickelt haben soll - in immerhin fünfzig Jahren seither. Die Ausweichschleife des 'lange her' ist hier nicht geboten. Die Fähigkeit des Menschen sich fühllos zu machen - oder fühllos zu sein - an der vorhandenden Reflexion des 'etwas stimmt nicht mit mir' vorbei - stellt einem die Nackenhaare. Bis heute.


